Öl-Terminstruktur: warum WTI und Brent nicht dieselbe Kurve zeigen

Bei Erdgas bestimmt der Kalender die Form der Kurve. Bei Öl bestimmt sie der Lagerbestand, und der ändert sich. Deshalb gibt es beim Öl keinen Sägezahn und auch keinen festen Normalzustand, sondern zwei Regime, die jahrelang anhalten können. Wer die Form lesen kann, erkennt, ob der Markt gerade Überangebot verwaltet oder um jedes Barrel kämpft.

Dieser Artikel vertieft ein Teilthema aus dem Hauptartikel zur Terminstrukturkurve. Die Grundlagen zu Forward Curves stehen dort.

Kurz gefasst: Die Öl-Terminstruktur steht in Contango, wenn die Lager voll sind, und in Backwardation, wenn kurzfristig Öl fehlt. Anders als Erdgas folgt Öl keinem Saisonrhythmus. Nach Auswertungen der CME lag der Markt seit 1985 rund 42 Prozent der Zeit in Contango und 58 Prozent in Backwardation. Entscheidend ist deshalb nicht der Zustand, sondern der Wechsel.

Zwei Benchmarks, zwei Kurven

Wer von „der Ölkurve“ spricht, muss sagen, welche gemeint ist. Die beiden großen Referenzsorten sind unterschiedlich gebaut, und dieser Unterschied wird genau dann sichtbar, wenn es eng wird.

WTI wird an der NYMEX gehandelt und physisch in Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma geliefert. Cushing ist ein Pipeline-Knoten im Binnenland, ein Ort mit Tanks und begrenztem Platz. Wer den auslaufenden Kontrakt hält, muss dort Öl abnehmen.

Brent wird an der ICE gehandelt und basiert auf einem Korb von Nordseesorten. Der Kontrakt ist physisch lieferbar, mit der Option auf Barausgleich gegen den Brent-Index. Der entscheidende Punkt: Brent ist seeverladen. Eine Ladung kann auf ein Schiff und von dort überall hin. Deshalb spiegelt Brent die globale Angebots- und Nachfragelage, während WTI zusätzlich von der Situation an einem einzigen Binnenland-Hub abhängt.

Seit Juni 2023 ist der Abstand kleiner geworden: Damals wurde WTI Midland in den Brent-Korb aufgenommen, um die schrumpfenden Nordseemengen zu stützen. Zwischen Mai 2023 und Juli 2024 war WTI Midland nach Angaben der ICE in rund 50 bis 60 Prozent der Fälle die günstigste Sorte und setzte damit den Preis für Dated Brent. Die beiden Benchmarks sind heute enger verzahnt als früher, aber der strukturelle Unterschied bleibt: Ein Tanklager mit Deckel gegen einen Hafen mit Schiffen.

Contango heißt Lager voll, Backwardation heißt Lager leer

Die Grundformen sind dieselben wie bei jedem lagerfähigen Rohstoff, nur die Ursache ist beim Öl besonders gut messbar.

Öl-Terminstruktur im Vergleich: Contango als steigende Kurve bei Überangebot, Backwardation als fallende Kurve bei knappem Angebot
Contango: Überangebot, die Lager füllen sich. Backwardation: Knappheit am Spotmarkt.

In Contango liegen die späteren Kontrakte über dem vorderen. Der Aufschlag deckt Lagerung, Versicherung und Finanzierung des gebundenen Kapitals, also den Cost of Carry. Wirtschaftlich lohnt sich dann das Einlagern: Öl kaufen, wegstellen, später teurer verkaufen. Genau das passiert, wenn mehr gefördert wird als verbraucht.

In Backwardation ist der Frontmonat der teuerste. Wer jetzt Öl besitzt, hält etwas Wertvolles in den Händen – lagern bringt dagegen keinen Ertrag. Raffinerien brauchen laufend Nachschub und zahlen für sofortige Verfügbarkeit einen Aufschlag. Dieser Vorteil des physischen Besitzes ist die Convenience Yield, und wenn sie die Haltekosten übersteigt, fällt die Kurve. Die ausführliche Gegenüberstellung steht im Artikel zu Contango und Backwardation.

Der praktische Frühindikator dafür sind die Lagerdaten. Die US-Energiebehörde EIA veröffentlicht mittwochs die kommerziellen Rohölbestände samt Cushing-Füllstand. Steigende Bestände drücken die Kurve Richtung Contango, fallende Richtung Backwardation. Das ist keine Prognose, sondern nur die Übersetzung derselben Information in zwei Darstellungen.

Kein Normalzustand, sondern zwei Regime

Bei Gold ist die Kurve fast immer leicht steigend, beim VIX fast immer Contango. Beim Öl gibt es diesen Ankerzustand nicht. Nach Auswertungen der CME notierte der Ölmarkt seit 1985 etwa 42 Prozent der Zeit in Contango und 58 Prozent in Backwardation, gemessen am Abstand zwischen Frontmonat und dem Kontrakt sechs Monate später. Von 1985 bis 2008 überwog Backwardation deutlich, seit 2008 häufiger Contango, was zur Ausweitung der US-Schieferölförderung und dem Aufbau von Lagerkapazität passt.

Wichtiger als die Momentaufnahme ist deshalb der Wechsel. Eine Kurve, die von Backwardation in Contango dreht, sagt etwas über nachlassende Knappheit; der umgekehrte Weg über zunehmende. Wie sich das an konkreten Crude-Oil-Kurven ablesen lässt, zeigt Eichhorn Coaching im Beitrag Forward Curves richtig nutzen mit Beispielen aus dem Ölmarkt.

April 2020: als der Cost of Carry explodierte

Es gibt einen Tag, an dem alles, was dieser Cluster erklärt, in extremer Form sichtbar wurde.

WTI-Terminstruktur am 20. April 2020: Der Mai-Kontrakt schließt bei minus 37,63 Dollar, der Juni-Kontrakt rund 20 Dollar im Plus
20.04.2020, Schlusskurse für Mai und Juni. Der weitere Verlauf ist schematisch.

Am 20. April 2020 lief der WTI-Kontrakt für Mai aus. Er startete die Sitzung bei 17,73 Dollar und schloss bei minus 37,63 Dollar, im Tief bei minus 40,32. Der Juni-Kontrakt notierte am selben Tag bei gut 20 Dollar. Zwischen zwei benachbarten Monaten lagen damit knapp 58 Dollar.

Die Mechanik dahinter ist keine Marktlaune. Die Nachfrage war im Lockdown eingebrochen, die Raffinerien liefen laut EIA rund ein Viertel unter Vorjahr, und in Cushing war praktisch kein freier Tankraum mehr zu bekommen. Normalerweise ist das kein Problem, weil nur etwa ein Prozent aller Futures überhaupt in die physische Lieferung geht. Alle anderen rollen vorher weiter. Genau dieser Ausweg war versperrt: Wer den Mai-Kontrakt hielt und kein Lager hatte, musste ihn loswerden, egal zu welchem Preis. Am Ende zahlten Verkäufer dafür, die Lieferverpflichtung abzugeben.

Und Brent? Notierte am selben Tag bei rund 25 Dollar. Seeverladenes Öl lässt sich auf ein Schiff legen und woanders hinbringen, ein voller Tank in Oklahoma ist dafür irrelevant. Der Unterschied zwischen den beiden Benchmarks war an diesem Tag keine Fußnote, sondern 60 Dollar wert.

Das umgekehrte Bild

Seit dem Frühjahr 2026 zeigt der Ölmarkt die Gegenrichtung. Störungen der Schiffspassage durch die Straße von Hormus haben einen Risikoaufschlag in die nahen Kontrakte gepreist, die Kurve steht am vorderen Ende steil in Backwardation und fällt nach hinten ab.

Diese Form enthält eine konkrete Aussage: Der Markt preist die Störung als vorübergehend ein. Wäre die Erwartung eine dauerhaft knappere Versorgung, müsste auch das hintere Ende der Kurve steigen. Tut es das nicht, sagt die Kurve, dass die Beteiligten mit einer Normalisierung rechnen. Dieselbe Logik gilt beim VIX, wo Backwardation akuten Stress signalisiert, den der Markt nicht auf Jahre fortschreibt. Der Vergleich steht im Artikel zur VIX-Terminstrukturkurve.

Dass eine Veränderung der Kurvenform als Frühwarnsystem taugt, hat Eichhorn Coaching für die Volatilität am Beispiel VIX-Futures und Crash-Erkennung gezeigt. Beim Öl ist das Prinzip dasselbe, nur ist der Auslöser meist physisch: Lager, Pipeline, Seeweg.

Was die Kurvenform für deine Position bedeutet

Für jeden, der Öl über Futures oder Terminprodukte hält, ist die Kurvenform keine Theorie, sondern eine laufende Zahlung. Wer in Contango eine Long-Position rollt, verkauft billig und kauft teuer und verliert bei jedem Roll. In Backwardation läuft es umgekehrt. Die Details stehen im Artikel zu Rollrendite und Rollverlusten.

Am deutlichsten wurde das 2020 bei den Öl-ETFs. Das größte dieser Produkte musste den vorderen Kontrakt in einem historisch steilen Contango immer wieder weiterrollen, verteilte seine Bestände daraufhin mitten in der Krise auf spätere Laufzeiten und legte anschließend Anteile zusammen. Wer den Ölpreis „einfach so“ abbilden wollte, bekam den Roll-Verlust mitgeliefert. Es ist derselbe Mechanismus, der bei Volatilitätsprodukten wirkt, nur mit anderem Basiswert: nachzulesen im Artikel zu VXX und UVXY.

Für Einsteiger in den Rohstoffhandel gilt Crude Oil trotzdem als dankbarer Markt, unter anderem weil die Terminstruktur keine Eigenheiten wie bei den Fleisch- oder Softmärkten aufweist und die Liquidität hoch ist. Eichhorn Coaching begründet das im Beitrag Mit welchem Rohstoffmarkt sollten Einsteiger beginnen?.

Öl gegen Erdgas

Der Vergleich der beiden Energiemärkte macht klar, warum dieselbe Mechanik so verschiedene Kurven erzeugt.

Öl-Terminstruktur gegen Erdgas-Terminstruktur: glatte Ölkurve gegen saisonalen Sägezahn
Öl verläuft glatt, Erdgas zackt. Kalender gegen Lagerbestand.

Die Erdgas-Terminstruktur zackt, weil die Heizsaison im Kalender steht. Jeder Winter ein Hoch, jeder Sommer ein Tief, Jahr für Jahr, und zwar vorhersehbar. Die Ölkurve verläuft glatt, weil Öl keine vergleichbare Saison hat. Dafür kippt sie als Ganzes, wenn sich die Lagerlage oder die Versorgungssicherheit ändert.

Beides ist Cost of Carry. Beim Gas kennst du den Rhythmus im Voraus und weißt nur nicht, wie stark der Winter ausfällt. Beim Öl kennst du den Rhythmus nicht, kannst aber die Lagerdaten verfolgen und den Regimewechsel früh erkennen.

Live ansehen

Die Kurvenform versteht man am schnellsten, wenn man sie sieht. Auf der kostenlosen Terminstruktur-Seite findest du WTI neben Erdgas, den übrigen großen Rohstoffen und dem VIX. Leg die Ölkurve neben Erdgas: glatt gegen Sägezahn, in einem Bild.

Die Daten auf der Terminstruktur-Seite sind verzögert und dienen nur zu Informationszwecken. Die Kurvenform ist kein Trading-Signal und keine Handelsempfehlung. Der Handel mit Futures und Derivaten kann zu Verlusten bis über den Einsatz hinaus führen.

Fazit

Die Öl-Terminstruktur hat keinen Normalzustand. Sie steht in Contango, wenn die Lager sich füllen, und in Backwardation, wenn kurzfristig Öl fehlt, und beide Regime halten sich über Jahre. Welche der beiden Benchmarks du ansiehst, ist dabei keine Nebensache: WTI hängt an einem Tanklager im Binnenland, Brent an Schiffen. Im April 2020 lagen zwischen diesen beiden Konstruktionen 60 Dollar. Wer die Form liest und die Lagerdaten daneben legt, sieht früher als der Spotpreis, in welche Richtung sich der Markt bewegt.

Häufige Fragen

Ist Öl in Contango oder Backwardation?

Beides kommt vor, und zwar über Jahre hinweg. Nach Auswertungen der CME stand der Ölmarkt seit 1985 rund 42 Prozent der Zeit in Contango und 58 Prozent in Backwardation. Bis 2008 dominierte Backwardation, danach häufiger Contango. Öl hat also keinen festen Normalzustand wie Gold, sondern wechselt das Regime.

Was ist der Unterschied zwischen WTI und Brent in der Terminstruktur?

WTI wird physisch in Cushing, Oklahoma geliefert, einem Pipeline-Hub im Binnenland. Ist dort der Tankraum knapp, kann das vordere Ende der Kurve extrem reagieren. Brent basiert auf einem Korb seeverladener Nordseesorten und ist physisch lieferbar mit Option auf Barausgleich. Weil die Ladung verschifft werden kann, spiegelt Brent die globale Lage und lässt sich lokal kaum einklemmen.

Warum wurde der WTI-Preis im April 2020 negativ?

Am 20. April 2020 lief der Mai-Kontrakt aus, während in Cushing kaum freie Lagerkapazität verfügbar war. Finanzanleger, die keine physische Lieferung annehmen konnten, mussten ihre Position um jeden Preis abgeben. Der Kontrakt schloss bei minus 37,63 Dollar, während Juni am selben Tag rund 20 Dollar im Plus notierte.

Was bedeutet Contango für Öl-ETFs und ETCs?

Produkte, die Öl über Futures abbilden, rollen laufend. In Contango verkaufen sie den günstigeren vorderen und kaufen den teureren hinteren Kontrakt, was jeden Roll Geld kostet. Deshalb bleiben sie in Contango-Phasen hinter dem Spotpreis zurück. In Backwardation läuft der Effekt umgekehrt.

Wo sehe ich die aktuelle Öl-Terminstruktur?

Auf der kostenlosen Terminstruktur-Seite von Tradility, dort neben Erdgas, den übrigen Rohstoffen und dem VIX, mit Vergleichsfunktion und ohne Anmeldung.

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