VXX und UVXY: Warum diese VIX-Produkte langfristig verlieren

Wer sich einmal den Langfristchart von VXX oder UVXY angesehen hat, kennt das Bild: eine Linie, die über Jahre nur eine Richtung kennt, unterbrochen von wenigen senkrechten Ausschlägen nach oben, die genauso schnell wieder verpuffen. Ohne logarithmische Skala ist der Chart nach ein paar Jahren gar nicht mehr darstellbar.

Die naheliegende Erklärung wäre: schlecht gebaute Produkte. Sie ist falsch. VXX und UVXY machen exakt das, was in ihren Prospekten steht. Der Wertverfall ist kein Konstruktionsfehler, sondern das rechnerisch zwingende Ergebnis von drei Kräften: der Form der VIX-Terminstruktur, dem täglichen Rollen der Futures und, bei UVXY, dem täglich zurückgesetzten Hebel.

Kurzantwort

VXX und UVXY halten keinen VIX, sondern rollen täglich VIX-Futures vom Frontmonat in den zweiten Monat. Weil die VIX-Terminstruktur meist in Contango steht, wird dabei permanent günstig verkauft und teuer gekauft. Dieser Roll-Drag kostet auch dann Geld, wenn sich die Volatilität überhaupt nicht bewegt. Bei UVXY kommt der täglich zurückgesetzte 1,5-fache Hebel als zweiter Verlusttreiber hinzu.

Dieser Artikel zerlegt den Mechanismus. Wenn du wissen willst, warum die VIX-Kurve überhaupt so aussieht, wie sie aussieht, lies vorher den Spoke zur VIX-Terminstrukturkurve. Hier geht es um die Konsequenz für das konkrete Produkt im Depot.

In VXX und UVXY steckt kein VIX

Der erste und häufigste Denkfehler: Beide Produkte enthalten keinen VIX. Der VIX ist ein Index, berechnet aus SPX-Optionspreisen, und nicht investierbar. Es gibt nichts, was man kaufen und halten könnte.

Was beide Produkte stattdessen abbilden, ist der S&P 500 VIX Short-Term Futures Index. Der besteht aus den ersten beiden VIX-Future-Kontrakten und wird so gewichtet, dass die durchschnittliche Restlaufzeit konstant bei etwa einem Monat liegt. Um diese Restlaufzeit zu halten, verschiebt der Index jeden Handelstag einen Teil der Position aus dem Frontmonat in den zweiten Monat. Dieses tägliche Rollen ist der Kern der ganzen Geschichte.

Der Unterschied zwischen den beiden liegt in der Hülle:

  • VXX ist ein ETN, also eine Schuldverschreibung von Barclays mit Fälligkeit im Januar 2048. Kein Fondsvermögen, kein Sondervermögen, sondern ein Versprechen der Bank, die Indexentwicklung auszuzahlen.
  • UVXY ist ein ETF nach US-Recht, genauer ein Commodity Pool, der nicht unter den Investment Company Act von 1940 fällt. Er strebt 1,5-fache Tagesperformance des gleichen Index an. Bis Ende Februar 2018 waren es 2-fach, ProShares hat den Hebel danach reduziert.

Beide sitzen also auf demselben Motor. UVXY dreht ihn nur höher.

Der Motor des Wertverfalls: Contango und der tägliche Roll

Die VIX-Terminstruktur steht die meiste Zeit in Contango: Die hinteren Futures sind teurer als die vorderen, die Kurve steigt nach rechts an. Das ist beim VIX kein Zufall, sondern Folge von Mean Reversion und einer dauerhaften Nachfrage nach Absicherung. Die Details dazu stehen im Artikel zu Contango und Backwardation.

Für ein Produkt, das täglich vom Frontmonat in den zweiten Monat rollt, bedeutet Contango ein systematisches Verlustgeschäft. Verkauft wird der günstigere vordere Kontrakt, gekauft der teurere hintere. Jeden Tag. Und weil jeder Future zum Verfall hin gegen den tieferliegenden Spot konvergiert, verliert die neu gekaufte, teure Position im Zeitverlauf wieder an Wert.

Man kann es sich als Rolltreppe vorstellen, die nach unten fährt. Der Halter läuft nach oben, um auf der Stelle zu bleiben. Steht die Volatilität still, verliert er trotzdem.

VIX-Terminstruktur in Contango: der tägliche Roll verkauft den günstigen Frontmonat und kauft den teureren zweiten Monat
Schematische VIX-Terminstruktur in Contango. Front, M2 und M3 sind die ersten drei Monatskontrakte, die Zahlen darunter ihre Kurse.

Ein Monat Contango, durchgerechnet

Ein vereinfachtes Beispiel mit den Werten aus der Grafik. Der Frontmonat steht bei 16,5, der zweite Monat bei 18,5. Der Aufschlag beträgt 2 Punkte, also rund 12 Prozent. Über den Verlauf eines Monats rollt der Index seine Position vollständig vom vorderen in den hinteren Kontrakt.

Frontmonat16,50
2. Monat18,50
Aufschlag+2,00 = +12,1 %
Roll-Kosten bei unveränderter Kurverund −12 % pro Monat

Bewegt sich die Volatilität nicht, ist das der Preis dafür, die Position einen Monat gehalten zu haben. Der Index wandert die Kurve hinunter, während die Kurve selbst stehen bleibt.

Wichtig zur Einordnung: Das ist keine Gebühr und kein Konstruktionsmangel. Es ist die Volatilitätsrisikoprämie, die der Long-Halter an die Gegenseite zahlt. Wer VIX-Futures long hält, kauft laufend Versicherung, und Versicherung kostet Prämie. Die ökonomische Ursache dahinter erklärt der Artikel zu Cost of Carry und Convenience Yield, die reine Roll-Mechanik der Beitrag zu Rollrendite und Rollverluste.

Analysen von Volatilitätsspezialisten wie Six Figure Investing kommen für 1,5-fach gehebelte Kurzfrist-Vol-Produkte in Phasen ohne Bärenmarkt auf Verfallsraten von grob 50 bis 75 Prozent pro Jahr. Für ungehebelte Produkte wie VXX fällt der Wert entsprechend niedriger aus, bleibt aber deutlich zweistellig.

Bei UVXY kommt der Hebel dazu

UVXY verdoppelt das Problem nicht einfach nur, es fügt ein zweites hinzu. Der Hebel von 1,5 bezieht sich auf einen einzigen Handelstag und wird jeden Abend zurückgesetzt. Über mehrere Tage entsteht dadurch Pfadabhängigkeit, oft als Volatility Decay bezeichnet.

Das Prinzip an einem Zweitagesbeispiel. Der Index fällt um 10 Prozent und steigt am nächsten Tag um 11,1 Prozent, steht also wieder exakt am Ausgangspunkt:

Tag 1 · Index −10 %UVXY −15 % = 85,0
Tag 2 · Index +11,1 %UVXY +16,7 % = 99,2
Index unverändert, UVXY−0,8 %

Ein knappes Prozent, verloren an zwei Tagen ohne jede Nettobewegung des Basiswerts. Bei einem Index, der zu den schwankungsfreudigsten überhaupt gehört, summiert sich dieser Effekt über Monate erheblich, und zwar unabhängig vom Rollverlust, der zusätzlich anfällt.

Deshalb steht in den ProShares-Unterlagen auch unmissverständlich, dass Anleger ihre Position mindestens täglich überwachen sollten und dass Haltedauern über einen Tag hinaus zu Ergebnissen führen können, die deutlich vom 1,5-fachen der Indexentwicklung abweichen. Das ist kein Kleingedrucktes, das ist die Kernaussage des Produkts.

Reverse Splits bei VXX und UVXY: der sichtbarste Beweis

Wenn man den Verfall nicht rechnen will, kann man ihn auch einfach an der Corporate-Action-Historie ablesen.

VXX in seiner heutigen Serie hat seit 2021 drei Reverse Splits im Verhältnis 1:4 durchlaufen, im April 2021, im März 2023 und im Juli 2024. Kumuliert entspricht das einer Zusammenlegung von 64 zu 1.

UVXY ist noch drastischer. Seit der Auflage im Oktober 2011 stehen dreizehn Reverse Splits in den Büchern, der letzte im November 2025 im Verhältnis 1:5. Ein Anteil, der bei Auflage rund 40 Dollar gekostet hat, wäre heute ohne diese Zusammenlegungen nur noch Bruchteile eines Cents wert.

Ein Reverse Split ändert am Depotwert nichts: fünfmal weniger Anteile, jeder fünfmal so teuer. Er ist reine Kosmetik. Aber er ist notwendige Kosmetik, und genau das ist die Aussage. Diese Produkte brauchen regelmäßig eine Zusammenlegung, weil der Kurs sonst gegen null läuft. Der Emittent rechnet mit dem Verfall, er ist Teil des Designs.

Wertverlauf von VXX und UVXY: Roll-Drag als fallender Grundtrend, Vol-Spikes setzen jeweils tiefer an
Schematisch, keine echten Kursdaten, logarithmische Skala. Gestrichelt der Grundtrend aus dem Roll-Drag: Jeder Vol-Spike setzt tiefer an als der vorherige.

Wann VXX und UVXY trotzdem funktionieren

Der Verfall ist die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere: In den Momenten, in denen die Kurve kippt, liefern diese Produkte eine Wucht, die kaum ein anderes Instrument erreicht.

Dreht die Terminstruktur in Backwardation, weil die kurzfristige Angst die längerfristige Erwartung übersteigt, kehrt sich der Roll-Effekt um: Es wird teuer verkauft und günstig gekauft. Gleichzeitig schießt der Frontmonat nach oben. Der Februar 2018, der Covid-Crash im März 2020 und der Vola-Schock im August 2024 haben alle gezeigt, was dann passiert. Dreistellige Zuwächse innerhalb weniger Tage sind in solchen Phasen möglich.

Genau daraus ergibt sich das Nutzungsprofil. Diese Produkte sind Feuerlöscher, nicht Möbel. Sie taugen als taktisches Instrument für ein enges Zeitfenster, in dem man eine Volatilitätsausweitung erwartet oder eine Aktienposition kurzfristig gegen einen Schock abfedern will. Als dauerhafter Depotbaustein, als Absicherung, die man kauft und liegen lässt, kosten sie in ruhigen Märkten jedes Jahr Geld, und zwar planbar viel.

Der Zusatzfaktor bei VXX: es ist ein ETN

Bei VXX kommt ein Risiko hinzu, das nichts mit der Kurve zu tun hat. Ein ETN ist eine unbesicherte Schuldverschreibung. Man trägt das Emittentenrisiko von Barclays, und man ist darauf angewiesen, dass die Bank den Markt normal bedient.

Wie relevant das ist, hat der März 2022 gezeigt. Barclays stellte die Emission neuer VXX-Anteile ein, mit der Begründung fehlender Emissionskapazität. Ohne neue Stücke funktionierte der Arbitragemechanismus nicht mehr, der den Börsenkurs am Indexwert hält. VXX löste sich vom inneren Wert und handelte zeitweise mit einem Aufschlag von rund einem Drittel. Wer in dieser Phase kaufte, zahlte für Luft, die verschwand, sobald Barclays die Emission im September 2022 wieder aufnahm.

Das ist kein Argument gegen ETNs an sich. Es ist ein Argument dafür, zu wissen, welche Hülle man kauft. UVXY hält seine Futures selbst und hat dieses spezielle Problem nicht, dafür den Hebel.

Für deutsche Privatanleger: direkt kaufen geht meist nicht

Praktischer Punkt, der in US-Quellen naturgemäß fehlt. VXX und UVXY sind US-Produkte ohne PRIIPs-Basisinformationsblatt in deutscher Sprache. Ohne dieses Dokument dürfen Broker sie nicht an Privatkunden verkaufen. Direkt kaufen können sie in der Regel nur Kunden, die als professionelle Anleger eingestuft sind.

Was bleibt, sind die Wege über Derivate. Optionen auf UVXY und SVXY sind liquide und von der Einschränkung nicht betroffen, ebenso VIX-Futures und VIX-Optionen direkt. Wie sich diese Instrumente konkret einsetzen lassen, behandelt Eichhorn Coaching im Beitrag Wie kann man die Volatilität handeln? sowie im Vergleich Unterschied zwischen VXX und UVXY.

Wer die Position aufsetzt, sollte die steuerliche Behandlung vorher klären, insbesondere im Unterschied zwischen Privatdepot und Trading-GmbH. Das ist ein Thema für den Steuerberater, nicht für einen Blogartikel.

Vor dem Trade: Kurvenform prüfen

Die praktische Konsequenz aus allem ist schlicht. Bevor du eine Long-Vol-Position eingehst, schau dir an, in welchem Zustand die Terminstruktur gerade ist. Steile Contango bedeutet, dass die Uhr gegen dich läuft und du die Position entsprechend kurz halten musst. Backwardation bedeutet, dass der Roll auf deiner Seite ist.

Die aktuelle VIX-Terminstruktur siehst du kostenlos und ohne Anmeldung auf tradility.net/terminstrukturkurven, neben weiteren Futures-Märkten. Ein Blick genügt, um zu erkennen, ob die Kurve steigt oder fällt und wie steil.

Und wenn du wissen willst, was deine Vol-Trades im Nachhinein tatsächlich gekostet oder gebracht haben: Genau dafür ist das Table-Modul von Tradility gedacht, das sich per TWS mit deinem Depot verbindet und Trades, Prämien und realisierte Ergebnisse auswertet.

Häufige Fragen

Warum fällt VXX langfristig immer?

Weil VXX täglich VIX-Futures vom Frontmonat in den zweiten Monat rollt und die VIX-Terminstruktur meist in Contango steht. Dabei wird der günstigere Kontrakt verkauft und der teurere gekauft, während jeder Future zum Verfall gegen den tieferen Spot konvergiert. Dieser Roll-Drag fällt an, auch wenn sich die Volatilität überhaupt nicht bewegt.

Was ist der Unterschied zwischen VXX und UVXY?

Beide bilden denselben Index aus den ersten zwei VIX-Futures ab. VXX ist ein ETN, also eine Schuldverschreibung von Barclays mit Emittentenrisiko, und ungehebelt. UVXY ist ein US-ETF, hält die Futures selbst und strebt 1,5-fache Tagesperformance an. Durch den täglich zurückgesetzten Hebel verliert UVXY zusätzlich über Pfadabhängigkeit.

Ist UVXY zur dauerhaften Depotabsicherung geeignet?

Als dauerhafte Position ist das teuer. Roll-Drag und Hebel-Decay wirken jeden Tag, in dem nichts passiert, und in ruhigen Marktphasen summiert sich das auf einen erheblichen jährlichen Wertverlust. Diese Produkte sind für kurze Zeitfenster konstruiert. ProShares selbst empfiehlt eine mindestens tägliche Überwachung der Position.

Was bedeuten die Reverse Splits bei VXX und UVXY?

Am Wert der Position ändern sie nichts, sie legen nur Anteile zusammen und heben den Kurs entsprechend an. Sie sind aber ein Indikator: VXX hat seit 2021 dreimal 1:4 zusammengelegt, UVXY seit 2011 dreizehnmal. Ohne diese Schritte wären die Kurse längst im Bereich von Bruchteilen eines Cents.

Kann ich VXX oder UVXY als deutscher Privatanleger kaufen?

In der Regel nicht direkt, weil für diese US-Produkte kein PRIIPs-Basisinformationsblatt vorliegt und Broker sie deshalb nicht an Privatkunden verkaufen dürfen. Professionelle Kunden können handeln, und Optionen auf UVXY und SVXY sind von der Beschränkung nicht betroffen.


VXX und UVXY sind keine schlechten Produkte, sie sind missverstandene. Sie tun genau das, was ihre Konstruktion vorgibt: Sie kaufen laufend Volatilität und zahlen dafür die Prämie, die der Markt für Absicherung verlangt. Wer sie als kurzfristiges Instrument einsetzt und die Kurvenform vorher prüft, arbeitet mit dem Mechanismus. Wer sie liegen lässt, arbeitet gegen ihn.

Für den Einstieg in die strategische Nutzung von Volatilität im Optionsdepot findest du bei Eichhorn Coaching im VIX-Bereich das passende Education-Material. Die Terminstruktur selbst prüfst du kostenlos direkt im Tradility-Tool.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der genannten Instrumente dar. Der Handel mit Volatilitätsprodukten und Derivaten kann zu erheblichen Verlusten bis zum Totalverlust führen. Anlageentscheidungen trifft jeder Leser eigenverantwortlich.

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