Open Interest verstehen: was offene Positionen über einen Markt sagen

Open Interest verstehen

Volumen sagt, wie viel gehandelt wurde. Open Interest sagt, wie viel davon liegen geblieben ist. Aus diesem Unterschied folgt fast alles, was die Kennzahl brauchbar macht: Sie misst nicht Betriebsamkeit, sondern Engagement. Wer sie liest, sieht, ob hinter einer Bewegung neues Kapital steht oder nur Positionen den Besitzer wechseln.

Kurz gefasst: Open Interest ist die Zahl der offenen, noch nicht geschlossenen Kontrakte. Es steigt nur, wenn Käufer und Verkäufer beide neu eröffnen, und sinkt nur, wenn beide schließen. Wechselt eine Position lediglich den Besitzer, bleibt es unverändert. Die Zahl liegt nie in Echtzeit vor und sagt nichts darüber, wer auf welcher Seite steht.

Wie Open Interest entsteht und verschwindet

Jeder Future- und Optionskontrakt hat zwei Seiten. Ein Kontrakt entsteht immer für beide gleichzeitig, und genau daran hängt die Buchhaltung. Open Interest zählt Kontrakte, nicht Positionen, und deshalb ist die Zahl der Long-Kontrakte immer genau so groß wie die der Short-Kontrakte.

Wie Open Interest entsteht: eröffnen beide Seiten neu, steigt es um einen Kontrakt, schließen beide, sinkt es um einen, eröffnet nur eine Seite, bleibt es unverändert
Drei Fälle, und nur zwei davon verändern die Zahl.

Der dritte Fall ist der, der am häufigsten übersehen wird. Verkauft jemand seine bestehende Long-Position an einen neuen Käufer, wurde ein Kontrakt gehandelt, aber keiner geschaffen und keiner vernichtet. Das Volumen steigt, das Open Interest nicht. Deshalb sind hohe Umsätze bei unverändertem Open Interest kein Zeichen für Zufluss, sondern für Umschichtung.

Open Interest ist nicht Volumen

Die beiden Kennzahlen stehen in jedem Datenblatt nebeneinander und werden ständig verwechselt. Der Unterschied ist der zwischen einer Fluss- und einer Bestandsgröße.

  • Volumen ist ein Fluss. Es zählt, wie viele Kontrakte an einem Tag gehandelt wurden, und beginnt am nächsten Morgen wieder bei null.
  • Open Interest ist ein Bestand. Es zählt, wie viele Kontrakte offen stehen, und wird fortgeschrieben.

Ein Bild dafür: Volumen ist der Verkehr auf der Straße, Open Interest sind die geparkten Autos. Ein Tag mit viel Verkehr muss nicht bedeuten, dass am Abend mehr Autos stehen. Praktische Folge: Das Volumen kann an einem Tag größer sein als das Open Interest, wenn viel innerhalb des Tages geöffnet und wieder geschlossen wird. Der Normalfall ist allerdings das Gegenteil: In den meisten Märkten steht ein Vielfaches dessen offen, was an einem einzelnen Tag umgesetzt wird, in hinteren Kontraktmonaten teils ohne jeden Umsatz.

Die klassische Vier-Felder-Lesart

Aus der Kombination von Preisrichtung und Open-Interest-Richtung leitet die technische Analyse seit Jahrzehnten vier Standarddeutungen ab.

Vier-Felder-Lesart von Preis und Open Interest: neue Longs, neue Shorts, Short-Eindeckung und Liquidation
Die Standarddeutung. Eine Heuristik, keine Gesetzmäßigkeit.

Steigt der Preis bei steigendem Open Interest, kommt neues Geld auf die Käuferseite, die Bewegung gilt als tragfähig. Steigt der Preis bei fallendem Open Interest, decken sich vermutlich Shorts ein: Die Bewegung entsteht aus Zwang, nicht aus Überzeugung, und endet oft, wenn die Eindeckung durch ist. Fällt der Preis bei steigendem Open Interest, werden neue Short-Positionen aufgebaut. Fällt er bei fallendem, geben Long-Halter auf, es liquidiert sich etwas.

Bevor man das als Regelwerk übernimmt, gehört ein Vorbehalt dazu, und zwar ein deutlicher. Open Interest zeigt Kontrakte, nicht Absichten. Es sagt nicht, wer auf welcher Seite sitzt, ob eine Position spekulativ oder eine Absicherung ist, und schon gar nicht, was als Nächstes passiert. Derselbe Anstieg lässt sich mehrfach erklären. Die Vier-Felder-Lesart ist ein Ordnungsraster für Beobachtungen, kein Signalgeber.

Woher die Daten kommen und wie alt sie sind

Ein Punkt, der in der Praxis mehr Fehler verursacht als jede Fehldeutung: Open Interest liegt nie in Echtzeit vor. Die Börsen ermitteln die offenen Kontrakte erst nach Handelsschluss aus dem Clearing, veröffentlichen zunächst vorläufige und später endgültige Zahlen. Wer morgens auf das Open Interest schaut, sieht den Stand vom Vorabend. Der Preis ist live, diese Zahl nicht.

Noch deutlicher ist die Verzögerung bei der bekanntesten Aufschlüsselung, dem Commitments of Traders Report der US-Aufsichtsbehörde CFTC. Er nimmt das gemeldete Open Interest und teilt es nach Händlergruppen auf. Die wichtigsten Eckdaten:

  • Veröffentlichung freitags um 15:30 Uhr New Yorker Zeit, mit den Positionen vom Dienstag davor. Die Verarbeitung braucht drei Tage, US-Feiertage verschieben den Termin.
  • Erfasst werden Märkte, in denen mindestens 20 Händler meldepflichtige Positionen halten.
  • Die meldepflichtigen Positionen decken je Markt typischerweise 70 bis 90 Prozent des gesamten Open Interest ab, der Rest sind Kleinpositionen unter der Meldeschwelle.
  • Seit 1995 sind neben Futures auch Optionen enthalten.

Es gibt nicht „den“ COT-Report, sondern mehrere Formate. Der Legacy-Report kennt drei Gruppen: kommerzielle Hedger, große Spekulanten und nicht meldepflichtige Kleinanleger. Der Disaggregated-Report zerlegt die Rohstoffmärkte feiner, in Produzenten und Verarbeiter, Swap-Dealer, Money Manager und sonstige meldepflichtige Händler. Für Finanzkontrakte gibt es das Format Traders in Financial Futures mit Dealern, Asset Managern, gehebelten Fonds und sonstigen.

Wer sich in die Auswertung dieser Formate einarbeiten will, findet bei Eichhorn Coaching die beiden passenden Grundlagenbeiträge: Der Legacy CoT-Report und Der Disaggregated CoT-Report. Dort steht auch, wie die Netto-Positionierung der Gruppen im Handel eingesetzt wird.

Fairerweise gehört dazu, dass die Frage, ob COT-Daten als Timing-Instrument taugen, unter Praktikern strittig ist. Als Beschreibung der Positionierung sind sie unbestritten nützlich. Als Auslöser für einen Einstieg werden sie von manchen genutzt und von anderen ausdrücklich nicht.

Open Interest je Kontraktmonat

Bis hierhin war Open Interest eine Zahl. In Wirklichkeit ist er eine Verteilung. Ein Future existiert in vielen Liefermonaten gleichzeitig, und jeder davon hat sein eigenes Open Interest. Diese Verteilung ist informativer als die Summe.

Verteilung des Open Interest über die Kontraktmonate: vor dem Verfall wandert es aus dem Frontmonat in den zweiten Monat, nach hinten nimmt es stark ab
Vor dem Verfall wandert das Open Interest nach hinten. Das ist der Roll.

Drei Dinge lassen sich daran ablesen.

Wo Liquidität ist. Die hinteren Monate sind meist dünn besetzt. Wer dort handelt, zahlt breitere Geld-Brief-Spannen und kommt schwerer wieder heraus. Das gilt besonders für Positionen, die zwei Monate verbinden.

Welcher Monat wirklich der führende ist. Kurz vor dem Verfall ist der nominelle Frontmonat oft schon nicht mehr der mit dem meisten Open Interest. Wer Kurse aus dem auslaufenden Kontrakt liest, sieht dann einen Markt, in dem kaum noch jemand steht.

Wann gerollt wird. Die Wanderung des Open Interest aus dem vorderen in den nächsten Monat ist der Roll, sichtbar in Zahlen. Bei Rohöl geht nach Angaben der US-Energiebehörde nur etwa ein Prozent aller Kontrakte in die physische Lieferung, alles andere wird vorher gerollt oder geschlossen. Was das für Halter kostet, steht im Artikel zu Rollrendite und Rollverlusten.

Damit wird Open Interest zur zweiten Ebene unter der Terminstrukturkurve. Die Kurve sagt, was der Markt für die einzelnen Monate einpreist. Das Open Interest sagt, wo dabei tatsächlich Geld liegt. Eine steile Kurve, deren vorderes Ende von wenigen Kontrakten getragen wird, ist eine andere Aussage als dieselbe Kurve mit hohem Open Interest an derselben Stelle. Die Grundlagen zur Kurvenform stehen im Hauptartikel zur Terminstrukturkurve, die beiden Grundformen im Beitrag zu Contango und Backwardation.

Was Open Interest nicht kann

Damit die Kennzahl nicht mehr Gewicht bekommt, als sie tragen kann, die Grenzen im Überblick.

  • Keine Richtungsaussage. Long und Short sind immer gleich groß. Aus dem Open Interest allein folgt nie, ob ein Markt überkauft oder überverkauft ist.
  • Keine Motive. Ein Kontrakt sieht gleich aus, ob er eine Spekulation, eine Absicherung oder ein Bein eines Spreads ist.
  • Aggregat statt Akteur. Selbst der COT-Report zeigt Gruppen, keine einzelnen Adressen, und eine Gruppe ist selten homogen.
  • Verzögert. Mindestens ein Handelstag, beim COT-Report drei.
  • Nur diese Börse, nur dieser Kontrakt. Derselbe Basiswert kann anderswo gehandelt werden, außerbörslich ohnehin. Was nicht geclearte Kontrakte sind, taucht nicht auf.

Ein Sonderfall sind Optionen. Dort verteilt sich das Open Interest zusätzlich über Strikes, und diese Verteilung verleitet zu weitreichenden Schlüssen über Kursziele und angebliche Anziehungspunkte. Die empirische Grundlage dafür ist dünn. Als Liquiditätsindikator je Strike ist die Zahl nützlich, als Prognose sollte man sie nicht behandeln.

Wo du es siehst

Auf der kostenlosen Terminstruktur-Seite von Tradility findest du das Open Interest je Kontraktmonat direkt neben der Kurvenform, für Erdgas, Öl, Gold, den VIX und die übrigen großen Märkte. Ohne Anmeldung. Genau dafür sind die beiden Ebenen gedacht: erst die Form ansehen, dann prüfen, ob dahinter Positionen stehen.

Die Daten auf der Terminstruktur-Seite sind verzögert und dienen nur zu Informationszwecken. Open Interest ist kein Handelssignal, dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Der Handel mit Futures und Optionen kann zu Verlusten bis über den Einsatz hinaus führen.

Fazit

Open Interest ist eine der wenigen Kennzahlen, die nicht aus dem Preis abgeleitet ist, sondern eine eigene Information trägt: wie viel Kapital in einem Markt gebunden ist und in welchem Liefermonat es liegt. Das macht sie wertvoll und gleichzeitig anfällig für Überinterpretation. Sie beschreibt einen Zustand, sie prognostiziert nichts. Wer sie als zweite Ebene neben Preis und Kurvenform liest, gewinnt Kontext. Wer aus ihr Signale destillieren will, überfordert sie.

Häufige Fragen

Was ist Open Interest?

Die Anzahl der Kontrakte, die zu einem Zeitpunkt offen sind, also noch nicht geschlossen oder abgewickelt wurden. Es steigt nur, wenn Käufer und Verkäufer beide neu eröffnen, und sinkt nur, wenn beide schließen. Damit misst er nicht Handelsaktivität, sondern gebundenes Engagement.

Was ist der Unterschied zwischen Open Interest und Volumen?

Volumen zählt die an einem Tag gehandelten Kontrakte und beginnt jeden Tag bei null. Open Interest zählt die insgesamt offenen Kontrakte und wird fortgeschrieben. Deshalb kann das Volumen an einem Tag größer sein als das Open Interest, wenn viele Positionen innerhalb des Tages wieder geschlossen werden.

Was bedeutet steigendes Open Interest?

Dass neue Positionen aufgebaut werden, also frisches Kapital in den Markt kommt. In der klassischen Lesart gilt ein Preisanstieg bei steigendem Open Interest als tragfähiger als einer bei fallendem. Das ist eine Heuristik, keine Gesetzmäßigkeit, denn die Zahl sagt nichts darüber, wer auf welcher Seite steht.

Wie aktuell sind Open-Interest-Daten?

Nie in Echtzeit. Die Börsen ermitteln die offenen Kontrakte nach Handelsschluss und veröffentlichen zuerst vorläufige, dann endgültige Zahlen. In der Praxis arbeitet man mit Werten, die mindestens einen Handelstag alt sind.

Was zeigt der COT-Report zusätzlich zum Open Interest?

Er schlüsselt das gemeldete Open Interest nach Händlergruppen auf, etwa kommerzielle Hedger, große Spekulanten und Kleinanleger. Veröffentlicht wird freitags um 15:30 Uhr New Yorker Zeit mit den Daten vom Dienstag davor, erfasst werden Märkte mit mindestens 20 meldepflichtigen Händlern. Die meldepflichtigen Positionen decken typischerweise 70 bis 90 Prozent des gesamten Open Interest ab.

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