Cost of Carry und Convenience Yield: warum die Terminstruktur steigt oder fällt

Cost of Carry

Contango und Backwardation beschreiben, wie die Kurve aussieht. Sie sagen nicht, warum sie so aussieht. Der Grund steckt in zwei Kräften, die gegeneinander arbeiten: den Kosten, eine Ware zu halten, und der Prämie dafür, sie sofort zu haben. Wer die beiden versteht, liest jede Terminstruktur, ohne raten zu müssen.

Dieser Artikel vertieft ein Teilthema aus dem Hauptartikel zur Terminstrukturkurve. Die Grundlagen zu Forward Curves stehen dort.

Cost of Carry: was das Halten kostet

Kauf heute ein Fass Öl und liefere es in sechs Monaten. Dann hast du sechs Monate lang Kosten: Lagerung, Versicherung, und dein Kapital ist gebunden, statt Zinsen zu bringen. Diese Haltekosten heißen Cost of Carry.

Der Terminpreis muss diese Kosten enthalten, sonst funktioniert der Markt nicht. Läge der Future unter dem Spot plus Haltekosten, könnte jeder heute kaufen, einlagern, per Future verkaufen und risikolos verdienen. Genau das rechnen Arbitrageure weg. Deshalb gilt als Faustregel: Terminpreis gleich Spot plus Cost of Carry.

Cost of Carry: Lagerung, Finanzierung und Versicherung erhöhen den Terminpreis gegenüber dem Spotpreis
Haltekosten schlagen auf den Spot auf und machen den Future teurer

Das erklärt, warum Rohstoffe mit teurer Lagerung oft steil steigende Kurven haben. Erdgas braucht Kavernen, Öl braucht Tanks, und beides kostet. Bei Gold ist der Effekt fast nur Finanzierung, denn ein Barren im Tresor verursacht kaum Kosten. Und beim VIX gibt es gar nichts zu lagern, weil Volatilität keine physische Ware ist. Bei Finanzfutures übernimmt die Zinsdifferenz die Rolle der Haltekosten.

Convenience Yield: was die Verfügbarkeit wert ist

Jetzt die Gegenkraft. Wer die Ware physisch im Lager hat, hat einen Vorteil, den ein Future nicht bietet. Eine Raffinerie kann weiterlaufen, wenn die Lieferkette klemmt. Ein Hersteller kann produzieren, wenn der Markt leergefegt ist. Für diesen Vorteil sind Marktteilnehmer bereit zu zahlen, und dieser Wert heißt Convenience Yield.

Die Convenience Yield wirkt wie ein Abschlag auf den Terminpreis. Ist sie hoch genug, notiert der Future unter dem Spot.

Convenience Yield: die Prämie für sofort verfügbare Ware drückt den Terminpreis unter den Spotpreis
Die Verfügbarkeitsprämie zieht vom Terminpreis ab und drückt ihn unter den Spot

Wann ist sie hoch? Immer dann, wenn die Ware knapp ist. Leere Lager, gestörte Lieferketten, ein Angebotsschock. Wer dann Ware hat, gibt sie nicht billig her. Bei Finanzwerten wie Aktienindizes gibt es diesen Effekt praktisch nicht, ein Index lässt sich nicht horten.

Die Kurvenform ist das Ergebnis

Beide Kräfte wirken gleichzeitig. Welche überwiegt, entscheidet über die Form der Kurve.

Cost of Carry gegen Convenience Yield: welche Kraft überwiegt, entscheidet über Contango oder Backwardation
Überwiegen die Haltekosten, steigt die Kurve. Überwiegt die Verfügbarkeitsprämie, fällt sie

Sind die Haltekosten größer als die Verfügbarkeitsprämie, liegt der Future über dem Spot und die Kurve steigt. Das ist Contango, der Normalfall bei entspannter Versorgungslage. Ist die Ware knapp und die Convenience Yield übersteigt die Haltekosten, rutscht der Future unter den Spot und die Kurve fällt. Das ist Backwardation.

Damit ist auch klar, warum Kurven kippen. Nicht die Kurve entscheidet sich um, sondern das Verhältnis der beiden Kräfte verschiebt sich. Ein Angebotsschock treibt die Convenience Yield hoch, und aus Contango wird Backwardation.

Für die Praxis: Die Kurvenform sagt dir etwas über die Versorgungslage. Steile Contango-Kurven deuten auf reichlich Ware und volle Lager. Backwardation deutet auf Knappheit. Was das für deine Position bedeutet, steht in der Rollrendite, denn genau diese Form bestimmt, ob dein Roll kostet oder zahlt.

Sonderfall VIX

Beim VIX greift das Lagermodell nicht. Volatilität lässt sich weder einlagern noch kaufen und liegen lassen, es gibt keinen Spot zum Halten. Trotzdem notieren VIX-Futures meist in Contango. Der Grund ist ein anderer: Marktteilnehmer zahlen eine Prämie für Absicherung gegen künftige Turbulenzen. Diese Versicherungsprämie wirkt ähnlich wie Haltekosten, sie hebt die längeren Kontrakte über den Spot. Bricht der Markt ein, springt der VIX-Spot nach oben und die Kurve dreht in Backwardation.

Wie sich Volatilität handeln lässt, ist ein Thema für sich. Unser Partner Eichhorn Coaching hat dazu die Grundlagen zum VIX aufgeschrieben.

Wo du das live siehst

Die Theorie ist nur die halbe Miete. Auf der kostenlosen Terminstruktur-Seite siehst du die Kurven von VIX und den großen Rohstoffen auf einer Seite: WTI, Erdgas, Gold, Silber, Zucker, Weizen, Kaffee, Mais und mehr. Vergleich dort ein Lagergut wie Erdgas mit Gold, und du siehst den Unterschied zwischen teurer Lagerung und reiner Finanzierung sofort in der Steigung.

Die Daten auf der Terminstruktur-Seite sind verzögert und dienen nur zu Informationszwecken. Die Kurvenform ist kein Trading-Signal und keine Handelsempfehlung.

Fazit

Cost of Carry und Convenience Yield sind die Mechanik hinter jeder Terminstruktur. Die eine Kraft drückt den Terminpreis nach oben, die andere zieht ihn nach unten, und was du als Kurve siehst, ist das Ergebnis. Contango bedeutet, die Haltekosten dominieren. Backwardation bedeutet, der Markt zahlt für sofortige Verfügbarkeit. Mit diesem Blick brauchst du keine Erklärung mehr, warum eine Kurve so aussieht, wie sie aussieht.

Häufige Fragen

Was ist Cost of Carry einfach erklärt?

Die Kosten, eine Ware bis zum Liefertermin zu halten: Lagerung, Versicherung und die Finanzierung des gebundenen Kapitals. Sie stecken im Terminpreis und heben ihn über den Spotpreis.

Was ist die Convenience Yield?

Der Wert, die Ware physisch verfügbar zu haben statt nur einen Future darauf. Sie wirkt als Abschlag auf den Terminpreis und ist hoch, wenn die Ware knapp ist.

Wie hängen Cost of Carry und Contango zusammen?

Überwiegen die Haltekosten die Convenience Yield, liegt der Future über dem Spot und die Kurve steigt. Das ist Contango. Überwiegt die Convenience Yield, fällt die Kurve und es ist Backwardation.

Gilt Cost of Carry auch für den VIX?

Nicht im klassischen Sinn, denn Volatilität lässt sich nicht lagern. Beim VIX wirkt stattdessen eine Absicherungsprämie, die längere Kontrakte über den Spot hebt und meist Contango erzeugt.

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